Slut

Slut_Alienation_Cover

Artist:     Slut
Album:     Alienation
VÖ:         16.08.2013
Label:     Cargo Records

Chris Neuburger sagte einmal, über Musik zu reden sei ähnlich erfolgversprechend wie der Versuch, zu Architektur zu tanzen. Man könnte ergänzen: Über Alienation zu reden, gleicht dem Ansinnen, Zeitgeist mit dem Strohhalm zu trinken.

Das neue Album von Slut kommt mit Opus-Magnum-Aura daher. Viele Autoren
haben das Buch, bei manchen Regisseuren gibt es den Film. Slut haben noch nie in der zwanzigjährigen Bandgeschichte Mist produziert. Im Gegenteil arbeiten sie mit einer souveränen Professionalität, die sie zu einem beinahe singulären Phänomen im deutschen-aber-englisch-singenden Alternative Rock machen. Aber mit Alienation ist es Slut gelungen, noch einmal über sich hinauszuwachsen. Sowohl musikalisch als auch textlich legt das Album einen Finger auf den Nerv der Zeit.

„Erfinde dich selbst und sei dann du selbst“ lautet der ebenso paradoxe wie perfide Imperativ des 21. Jahrhunderts. Die Auswirkungen gleichen einer geistigen Querschnittslähmung. Statt die eigene Freiheit kreativ und verantwortungsbewusst zu nutzen, werden „most of us turn petit bourgeois“, wie Slut es im titelgebenden Song „Alienation“ formulieren, und, in offener Kritik an ihrer autoversessenen Heimat Ingolstadt: „As long as the cars stay running they stay amused“.

„Alienation“, also Entfremdung, entsteht dabei auf zwei Arten. Entweder, indem
man krampfhaft am Bekannten festhält, während sich die Außenwelt in Bewegung befindet. Oder indem man beim Versuch, durch notorische Selbsterfindung up to date zu bleiben, den Boden unter den Füßen verliert. Wie also soll es gelingen, sich in einer Zeit, die ständigen Aufbruch verlangt, selbst
treu zu bleiben?

Slut geben die Antwort schon durch ihre Werkgeschichte. Die Quadratur des Authentizitäts-Kreises glückt ihnen, indem sie Erprobtes und Gekonntes immer wieder als Ausgangspunkt für Grenzüberschreitungen nutzen. Neben und zwischen den Platten interpretieren sie die Dreigroschenoper neu oder gehen mit mir und meinem Roman „Corpus Delicti“ auf Schallnovellentour.

Das ist die Botschaft von Alienation: Entscheide dich nicht zwischen Bleiben und Aufbruch und schon gar nicht zwischen Versteck oder Flucht. Verlier dich nicht im Entweder-Oder, sondern lerne, die Quelle deiner Kraft im Sowohlals- auch zu entdecken. „Go on and drive“, heißt es in „Anybody have a roadmap“, und „Keep your eyes fixed on anything you seem to know“. Oder: „It‘s that love and hate relation that keeps us hanging on“ („Alienation“).

Musikalisch drückt sich diese Haltung in einem souveränen Parcours durch die Stilrichtungen aus. In der Kunsttheorie bedeutet „Alienation“ Verfremdung, also eine erneuernde Anverwandlung, die Vertrautes in neuem Licht erscheinen
lässt und auf diese Weise kritische Distanz ermöglicht. Genau das tut das Album, ohne dabei ins Zitathafte zu geraten. Die Handschrift der Band ist unverkennbar und hat über die Jahre eine musikalische Persönlichkeit herausgebildet, die es sich erlauben kann, den eigenen Horizont in jede Richtung zu erweitern.

So erklimmen Slut mit Alienation die nächste Stufe der Polyvalenz. Die Lieder brechen mit dem klassischen Song-Schema, wechseln die Richtung, überraschen mit immer neuen Einfällen und bewahren trotzdem ihren Ohrwurmcharakter.

Den verbindenden Grundansatz könnte man als „zurückhaltende Opulenz“ beschreiben. Slut fährt auf, was Slut hat und kann, aber ohne den Hörer im Orchestralen zu ertränken. Immer bleiben die verwendeten Mittel klar erkennbar, jede Stimme unterscheidbar, jedes Geräusch bei sich selbst, jedes Klang-Panorama sauber geschichtet. Bis hin zur Präzision eines Elektro-Minimalismus‘ („Broke My Backbone“), der sich von Loop zu Loop zur mitreißenden Hymne steigert, um beim Sound einer Knochensäge zu enden.

Es gibt viele Arten des Älterwerdens, und die meisten sind scheiße. Die Kräfte schrumpfen, die Neurosen blühen. Jede getroffene Entscheidung ein Massaker an ungenutzten Möglichkeiten. Mit Alienation führen Slut vor, dass echte Reifeprozesse mit einem Anwachsen von Vitalität zu tun haben. Alienation ist ein Buch mit vielen Kapiteln, die alle davon erzählen, wie man auf der Reise durchs 21. Jahrhundert und durch die eigene Biographie bei Kräften, bei Verstand und bei sich selbst bleiben kann. In dieser Musik fühlt man sich zu Hause, ohne den Geruch ungelüfteter Sofakissen ertragen zu müssen.

Also, bitte: Kaufen, staunen, genießen. Und jetzt mache ich Schluss und tanze eine Villa.

Juli Zeh

Tobias Levin

»Silk Road Blues«

«Idiot Dancers«

Engineer: Andreas Bonkowski

Electric Avenue Studio, Hamburg

Olaf O.P.A.L.

»Anybody Have A Roadmap?«

»Remote Controlled«

Engineer: Jörg Siegeler

Kanal24 Studio, Bochum

Radio Buellebruck Studio »unten«., Berlin

Tobias Siebert

»Nervous Kind«

»Deadlock«

»Broke My Backbone«

»Holy End«

»Never Say Nothing«

Engineer: Andres „Raketenmann“ Seidel

Radio Buellebruck Studio »oben«., Berlin

Mario Thaler

»Alienation«

»Never Say Nothing«

Holy End, Slut Practice Space, München

House Of Music Studio, Winterbach b. Stuttgart

Studio9, Bayerischer Rundfunk, München

Oliver Zülch

»Next Big Thing«

»All show«

Alien Research Studio, Weilheim

Slut sind

René Arbeithuber, Chris Neuburger, Matthias

Neuburger, Gerd Rosenacker, Rainer Schaller

Produziert und gemischt von

Tourtermine

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