And Also The Trees

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And Also The Trees – “Hunter Not The Hunted” – VÖ 20.04.2012 (Normal Records / Indigo)

Zweifelsohne zählen And Also The Trees zu den letzten Überlebenden der Post-Punk-Bewegung. Dabei wirkten die 1979 von den Brüdern Simon und Justin Jones in der ländlichen Abgeschiedenheit von Inkberrow/Worchestershire gegründete britische Band und ihr schwer einzuordnender Sound bereits in den 1980er Jahren wie Relikte aus einer anderen Zeit. Wenn And Also The Trees ihre schwelgenden Songs, lyrischen Wortgemälde und romantischen Klangelegien ausbreiteten, erinnerte die Wirkung, die sie mit ihrer Musik erzielten, nicht selten an die Gedichte von Lord Byron und Percy Bysshe Shelley oder an die Bilder von Caspar David Friedrich. Gleichwohl ihre Musik über die Jahrzehnte zugänglicher, melodischer, heller und freundlicher geworden ist, drängen sich diese Assoziationen bis heute auf. Das gilt auch für das neue Album »Hunter Not The Hunted«, mit dem sich die nachdenklichen Engländer, die durchaus Vorbilder für Bands wie Interpol oder The National sein könnten, einmal mehr in punkto Songwriting, Storytelling und stimmungsvollen Klanggemälden selbst übertroffen haben.

Aufgenommen im Herzen Englands sowie in einem verfallenen Haus in Frankreich während eines eher untypischen kühlen Sommers beginnt »The Hunter Not The Hunted« ganz verhalten mit sanft perlender Akustikgitarre und der eindringlichen Stimme von Simon Huw Jones, der mit »Only« die erste einer Reihe neuer, geheimnisvoller, durchaus Romantauglicher Geschichten erzählt, in denen die Zuhörer auf einen Mann treffen, der zugleich Engel, Teufel und Biest ist, auf eine Frau, die an der Flussmündung lebt, auf die mysteriöse Whisky-Braut und auf diverse andere Protagonisten, die ganz tief mit der Landschaft, in der sie leben, verwurzelt sind. Ob am Meer, auf dem Land fernab jeder Ortschaft oder am Rand einer großen Stadt, alle diese Menschen eint die Hoffnung auf Liebe und Erlösung sowie ihr täglicher Kampf gegen Einsamkeit und Isolation.

Simon Jones erzeugt mit poetischen Versen und intensivem Crooning eine faszinierende Sogwirkung, die durch die langsam, wie Wellen anbrandenden, sich nach und nach zu dichten Schwärmen zusammenballenden Gitarrenklänge noch verstärkt wird. Es grenzt einmal mehr an ein Wunder, welche ungeheurere Klangvielfalt Justin Jones seinen Gitarren entlockt, kongenial unterstützt von Ian Jenkins am Kontrabass, Paul Hill am Schlagzeug und Emer Brizzolara, der mit Melodica und Dulcimer weitere Klangfarben hinzufügt und Songs, wie dem mit einem verschleppten Beat an ein altes Seemannslied erinnernden Titelstück und den mit mediterranen Musikeinflüssen von Fado bis Sirtaki jonglierenden »Bloodline« und »The Knave« besinnlichen Folklore-Charakter verleiht.

Explosionsartige Ausbrüche, wie sie die Band früher auszeichnete, finden sich auf »Hunter Not The Hunted« selten, wenngleich das Changieren von lauten zu leisen Passagen auch weiterhin charakteristisch für And Also The Trees ist. Besonders beeindruckend klingt das bei dem an den Klassiker »Virus Meadow« erinnernden Albumausklang »The Floating Man« und bei der (Fast-) Pophymne »What’s Lost Finds«, das wie das bedrohliche »Black Handled Knife« mit verstörenden Geräuschen beginnt, nur um sich Sekunden später in den wohl eingängigsten Song des Albums zu verwandeln. And Also The Trees lieben halt Kontraste und (neuerdings) auch sparsame Arrangements und akustische Instrumente. Beides ist zweifellos dem wunderbaren Vorgängeralbum »When The Rains Come« mit seinen virtuos interpretierten und gar nicht pathetischen Akustikversionen ihrer alten Klassiker sowie der anschließenden Akustiktour mit Auftritten in Museen, Kirchen und Kunsthallen geschuldet.

Die von ihren Fans wie eine Kultband verehrten Briten waren schon immer Besonders – besonders eigenwillig, kompromisslos und erfindungsreich. Bereits bei ihrer Gründung fanden sie, anders als ihre im urbanen Umfeld aktiven Zeitgenossen Joy Division, Gang Of Four und Siouxsie & The Banshees ihre musikalische Identität in Songs, die von der Landschaft um die geschichtsträchtigen Malvern Hills sowie von Dichtung und Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert waren. Nach dem Debüt »And Also The Trees«, 1983 eingespielt mit Steven Burrows am Bass und Nick Havas am Schlagzeug, das mit seinem rauen Gitarrensound noch die frühen Postpunk-Einflüsse der Band wider spiegelte, etablierten sie 1986 auf »Virus Meadow« ihren für lange Zeit typischen, von mächtigen Gitarrenschwärmen dominierten, melancholisch-romantischen Sound. In der Folge dieses von vielen ihrer Fans wegen Songs wie »Slow Pulse Boy« und dem Titelstück als Klassiker eingestuften Albums gewann die Gruppe eine immer größer werdende Anhängerschaft. Vor allem auf dem Kontinent spielten sie nun regelmäßig in ausverkauften Konzertsälen. Die nächsten Alben »The Millpond Years« (1987), »Farewell To The Shade« (1989) und »Green Is The Sea« (1991) zeigten die musikalischen Kreationen der Band weiter verfeinert. Zu Gitarre, Bass und Schlagzeug kamen nun vermehrt Streicher und Keyboards hinzu.

1993 vollzog die Band eine überraschende stilistische Wandlung. Inspiriert von einer erfolgreichen Tour durch die USA traten die ruralen Einflüsse in den Hintergrund. Statt eines vorindustriellen Englands beschworen die Trees nun die Mythen eines Amerikas vor dem Vietnamkrieg. Surfgitarren, Morricone-Trompeten, beißende Hammondorgel, Rockabilly-Elemente, Jazz-Motive, urbane Melancholie und viel Sehnsucht prägten den Sound der Albumtrilogie, »The Klaxon« (1993), »Angelfish« (1996) und »Silver Soul« (1998).

In den nächsten fünf Jahren zogen sich And Also The Trees von der Öffentlichkeit zurück. Da die einzelnen Mitglieder nun auch an verschiedenen Orten (Genf, London, Inkberrow) lebten, glaubten viele, die Band habe sich aufgelöst. Aber in Wirklichkeit warteten And Also The Trees nur auf einen weiteren Musenkuss. 2003 meldete sich die Gruppe mit »Further From The Truth« zurück, einem Album, dessen einfache, auf das wesentliche reduzierte Songs gar nicht weit von zeitloser Popmusik entfernt waren.

Nachdem man das 25-jährige Bestehen der Gruppe mit einer exquisiten Werkschau und einigen speziellen Konzerten an noch spezielleren Orten adäquat gefeiert hatte, schlugen And Also The Trees 2007 mit dem von der Kritik hochgelobten, ungewohnt instrumentierten Album »(Listen For) The Rag And The Bone Man« und der anschließenden Akustik-CD »When The Rains Come« neue Kapitel ihrer Karriere auf. Beide Alben wie auch die anschließenden Tourneen bescherten And Also The Trees nicht nur Vergleiche mit Scott Walker, Leonard Cohen und Woven Hand, sondern auch einen zweiten Karrierefrühling. Und diesen setzen sie nun mit »Hunter Not The Hunted« eindrucksvoll fort.

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